„Das Böse ist in der Welt, dass der Mensch sich entscheide“ – Info3-Interview

Info3-Foto MathisIn der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog erschien in der Ausgabe März 2018

dies Interview mit mir.

Aus dem Editorial auf Seite 1

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Menschen in Übergängen prägen diese Ausgabe von Info3. Übergänge, wo das eine noch maßgeblich ist, aber sich das andere schon ankündigt …

So wie Mathis Oberhof, den ich zusammen mit meinem Kollegen Ronald Richter vor einiger Zeit in Brandenburg besuchte: ein immer Suchender nach Gerechtigkeit, der sich auf seinem Weg vom Christentum, vom Kommunismus, vom klassischen Business, von der Waldorfpädagogik und schließlich von praktischer Flüchtlingshilfe prägen ließ …

 Seite 40 Lebensfäden

„Alles wandelt sich. Neu beginnen

kannst du mit dem letzten Atemzug.“

Bert Brecht

„Das Böse ist in der Welt, dass der Mensch sich entscheide“

Zwischen Kirche und KPD, zwischen Bergpredigt und Sozialismus, zwischen der linken und der Anthroposophie war Mathis Oberhof stets ein politischer Mensch. Doch seine Erfüllung fand der lebenslange Sozialrevoluzzer erst spät, als er sich konkret in die Arbeit für Geflüchtete engagierte. Ein Porträt eines Wandlungsfähigen.

Von Ronald Richter

Es war eine der zahlreichen Bürgerversammlungen in denen sich der Unmut über ein geplantes Asylbewerberheim Luft machte. Und es war die größte seit der Wende in der Kulturbühne „Goldener Löwe“ im brandenburgischen Wandlitz. Der ganze Ort schien dagegen zu sein. Ende 2012, noch vor der großen Flüchtlingswelle, standen alle Zeichen auf Entrüstungssturm in Erwartung der Fremden. Doch einer im vollbesetzten Saal will sich nicht zum Schweigen bringen lassen: Mathis Oberhof, im selben Jahr erst in den Nachbarort gezogen. Trotz aller Zwischenrufe und trotz des Geräuschpegels schafft er es, die richtigen Worte zu finden, sodass für ihn selbst gänzlich unerwartet Beifall von Menschen auf brandet, die vorher nicht gewagt hatten, ihre Stimme zu erheben.

An diesem Abend wurde der Grundstein zur Wandlitzer Willkommens-Kultur gelegt, zu einer „No-Go-Area“ für Nazis, die sich zu einem festen Fundament entwickelte. Und da Mathis Oberhof zwar schon mehrmals Politiker war, aber überhaupt kein Talent zum politischen Wolkenkuckucksheim hat, blieb er auch fortan kein passiver Beobachter, sondern seine Frau Margot und er nahmen in ihrem Haus einen Syrer auf – Walid, der mittlerweile zum Freund geworden ist und den Anstoß gab ein Buch zum Thema zu schreiben: „Refugees Welcome“, in dem die ganze Geschichte dieser wundensamen Ggründung nachzulesen ist.

Mathis Oberhof ist ein Tausendsassa: Kulturveranstalter, Kantor, Politiker, Blogger und Buchautor. Doch seine größte Fähigkeit ist das Wandlungsvermögen.

Es ist, als hätte Mathis Oberhof die einleitenden Verse dieses Artikels von Brecht mit der Muttermilch aufgesogen. Bevor er begann, sich unablässig zu wandeln, wandelte sich alles um ihn herum. Dann begann er sich zu wandeln, in Kooperation mit äußeren Wandlungen oder allein, um neue Wandlungen im Gang zu setzen. Und in diesem unaufhörlichen Wandlungsstrom bildet sich deutsche Geschichte seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur heutigen Flüchtlingsdebatte ab, wobei eine kräftige Prise Anthroposophie die ganze Sache abgerundet!

Ein unbequemer Vater und ein Kapitel mit den Kommunisten

Der Vater war evangelischer Pfarrer. Er erhielt 1950 – im Geburtsjahr des Sohnes – Berufsverbot, weil er sich gemeinsam mit Kommunisten gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik engagierte. Nun musste er sich wohl oder übel von der DDR vereinnahmen lassen, war dort Vorzeige-Antimilitarist, der rote Pastor aus Bremen, hielt Vorträge für die Ost-CDU. Die Hälfte des Honorars wurde in West ausgezahlt, die andere in DDR-Mark. Dafür hat der Holzspielzeug gekauft. Für den kleinen Mathis bedeutete die DDR Holzspielzeug.

1960 wurde der Vater wegen landesverräterischer Beziehungen sogar zu Gefängnis verurteilt. Der Familie ging es dreckig, sie war angewiesen auf Lebensmittelspenden der illegalen KPD. Im selben Jahr ist der Vater dann auch von der DDR ausgespuckt worden. Er war für sie nicht mehr wichtig.

Mit dieser Vorgeschichte wuchs Mathis Oberhof in die westdeutsche politische Bewegung jener Jahre hinein. Er gehörte erst der APO an, war nach deren Auflösung 12 Jahre hauptamtlicher Funktionär, zuletzt Kreisvorsitzender der DKP in München. Ihn interessierte aber auch die sich neu bildende Öko-und Frauenbewegung. Mit denen wollte er zusammenarbeiten. Die Kommunisten lehnten das als „kleinbürgerlich“ ab, Mathis wurde zum Abweichler erklärt. Ein Abweichler war seit Stalins Zeiten ein Agent. Im bundesrepublikanischen DKP-Propaganda-Vokabular bedeutete das: er war ein Verfassungsschutzspitzel und musste ausgestoßen werden aus der Partei. „Unter Stalin hätte man uns alle erschossen“, meint Mathis Oberhof heute schulterzuckend.

Er brauchte lange, um die Partei als Freundes und Familienersatz zu überwinden. Schließlich wurde ein neuer Broterwerb gefunden, er kam in der Beschwerdebearbeitung eines großen Versicherungskonzerns unter. Hier lernte er 1987 die Mutter seiner 3 Kinder kennen. Gemeinsam zogen sie von München nach Hamburg. Er gesteht: „ich bekam eine völlig veränderte Haltung zu Gesellschaft und Staat. Den kleinen Kindern wollte ich nichts mehr von brutalen „Bullen“ erzählen. Nein, die Polizei schützt euch, wollte ich Ihnen beibringen.“

Von der Frau kam zuerst der Impuls, die Kinder in einen Waldorf-Kindergarten anzumelden. Doch auch Mathis Oberhof war die Anthroposophie nicht fremd. Sein Vater hatte ihm neben Karl Marx, Sigmund Freud und C. G. Jung auch Rudolf Steiner nahegebracht, der für ihn zu den wichtigsten Philosophen zählte.

Als sein Vater starb, wurde diese auf eigenen Wunsch nach dem Ritus der Christengemeinschaft bestattet. Seine Lebensgefährtin, die in die letzten 14 Jahre gepflegt hatte, war eine „strenggläubige“ AnthroposophIn, wie Mathis Oberhof erzählt. „Die hat Rudolf Steiner geliebt“, sagt er. „So, wie Nonnen sich mit Jesus Christus verheiratet fühlen, was sie es mit Rudolf Steiner.“

Als er später selbst die Christengemeinschaft kennenlernte – er ist Patenonkel einer in der Christengemeinschaft Getauften – kam es zu intensiven Begegnungen mit den dortigen Pfarrern. „Ich habe sogar eine Zeit lang erwogen, selbst noch einmal Theologie zu studieren, um Pfarrer der Christengemeinschaft zu werden.“

Solange die Kinder noch klein waren, gehörte Mathis Oberhof dem Vorstand des Waldorfkindergartens im Berliner Stadtteil Hermsdorf an. Das war in den neunziger Jahren in Berlin, wohin die Familie inzwischen übergesiedelt war und wo er später auch Elternvertreter der Waldorfschule im Märkischen Viertel wurde.

Waldorfschule und Elternvertreter in Not

Als der Waldorfschule im Märkischen Viertel der Konkurs drohte, zeigte sich die Selbstverwaltung von ihrer Schattenseite. Mathis Oberhof: „Da kam dann so ein Vorstand wie von McKinsey. Die haben sich ohne Rücksicht auf Inhalte nur an Zahlen orientiert.“ Ein Teil der Elternschaft sei froh gewesen. Andere hätten sich gefragt: warum sind wir denn hier? Um zu sparen oder sparsam mit Geldern umzugehen, um die Seelen unserer Kinder zu fördern? „Ich habe eine Philippika gehalten für anthroposophische Ideen in Zeiten der Insolvenz. Das hat mich immer interessiert, wie anthroposophische Ökonomie unter den Bedingungen des Kapitalismus funktioniert. Was heißt Geschwisterlichkeit in der Ökonomie unter den heutigen Bedingungen? Damit habe ich die Elternschaft noch mehr gespalten. Dann kam die Wahl, ich bin mit den geringsten Stimmen gewählt worden. Der restliche Vorstand hat es abgelehnt, mit mir zusammenzuarbeiten. Das war für mich das Ende.“

2005 kam wieder Hoffnung auf. Der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine erklärte seinen Beitritt in die West-Linke WASG. Er und Gysi von der PDS gingen aufeinander zu. Begeistert trat Mathis Oberhof gleich beiden Parteien bei, noch bevor diese 2007 zur neuen Partei die Linke verschmolzen. Er erreichte mit seinem Wahlkampfteam einen Stimmenzuwachs von 70 % im nördlich von Berlin gelegenen Mühlenbecker Land. Was folgte, war ein parteiinterne Ost-West Hickhack. Die ostdeutschen Parteimitglieder der Linkspartei argwöhnten, dass Mathis Oberhof und sein Team in den Osten geschickt wurden, um sie kaputt zu machen – entweder von der SPD oder vom Verfassungsschutz. Das zweite Mal in seinem Leben war er als Verräter gebrandmarkt. „Da habe ich gemerkt, das hat etwas mit mir zu tun. Das kann nicht nur an den Organisationen liegen.“

Also verlegte er sich auf die Kultur und begann sich für kommunale Kinos zu engagieren. Einmal im Monat führte er in der Kulturbühne „Goldener Löwe“ Filme für 4 € Eintritt vor. Filme über Nelson Mandela etwa oder andere, die sich nicht kleinkriegen lassen. Sein Ziel war aber vor allem, einen Ort für Begegnungen zu schaffen. „Meine Frau Margot hat an Suppe gekocht. Das gemeinsame Abendmahl im Kino.“

Mit Margot, die er im September 2009 heiratete, bezog Mathis ein kleines eigenes Häuschen in einer Basdorfer Gartenkolonie am Rande des Waldes. In Basdorf waren zu DDR-Zeiten die Sicherheitsleute der Politbürosiedlung Wandlitz stationiert. Doch die hatte nie etwas mit dem eigentlichen Wandlitz zu tun. Basdorf galt lange als Polizeidorf. Das stimmt aber auch nicht mehr. Selbst der Polizei-Sportverein, den manche noch als Stasiverein bezeichnen, wird heute von den vielen Westdeutschen frequentiert, die hierher in den Speckgürtel Hauptstadt gezogen sind.

Happy-End mit Walid

Habash Oberhof Rosenbaum
Der Moslem Walid Habash (25), der Christ Mathis Oberhof (67) und der israelische Pianist Ittai Rosenbaum (51) singen bei Lesungen zu Oberhofs Buch gemeinsam.

In der idyllischen Waldsiedlung leben Margot und Mathis nun mit Walid, dem 25-jährigen Syrer. Mathis lernte ihn im Flüchtlingsheim kennen , als er mit einer Reporterin des RBB dort unterwegs war. Er lud ihn zu sich nach Hause ein. Noch 3 andere Syrer waren mitgekommen. Sie saßen am Tisch und aßen Hähnchen.

Mathis: „Und dann sage ich: So jetzt hole ich mal meinen Laptop und wir gucken bei Immoscout nach einer Wohnung. Ihr seid ja jetzt Hartz IV-Empfänger und in Brandenburg zahlt das Jobcenter 4,85 € pro Quadratmeter – das ist nicht viel. Schauen wir mal, was es da gibt.“

Nichts gab es außer an der polnischen Grenze in irgendwelchen ehemaligen LPG. Als sie Walid und die anderen Gäste nach Hause verabschiedet hatten, sagte Margot, indem sie auf eine Wand deutete: „Hier befand sich früher eine Tür, und das Gästezimmer dahinter ist doch nur ganze dreimal im Jahr belegt“. Inzwischen lebt Walid seit fast 2 Jahren bei ihnen in einer abgetrennten Wohnung. Aber ein bis zweimal die Woche sind sie länger zusammen, erörtern den Alltag, feiern Feste und Geburtstage, treten gemeinsam bei Veranstaltungen auf. Walid, ein frommer Mensch, dabei modern und aufgeklärt, ist Mitglied der Familie und enger Freund geworden.

Die Not der Flüchtlinge und der neu aufgekommene Hass mancher Deutscher macht Mathis Oberhof zu schaffen, kann ihn aber nicht unterkriegen. Er hält das biblische Motto dagegen: „Das Böse ist in der Welt, dass der Mensch sich entscheide.“Auch Shitstorms und Hasstiraden im Internet gäbe es nur, damit wir lernen, mit der digitalen Kommunikation besser umzugehen. Wenn Mathis das Flüchtlingsheim besucht, dann öffnet es sein Herz: „Man kann nur mit dem Herzen richtig sehen, sagt Saint-Exupery. Das habe ich gelernt.“

Buchtipp:

Mathis Oberhof, „REFUGEES WELCOME!. Die Geschichte einer gelungenen Integration – ein Mutmachbuch, Goldmann 8,99 €

 

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