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Gefühle und linke Politik

Julia Karnick, stellvertretende Chefredakteurin von Brigitte woman schrieb gestern auf Facebook folgendes:

„Okay. Ich werde deutlicher: Mir geht dieser Martin Schulz-Hype ziemlich auf die Nerven. Ich habe so die Schnauze voll von überschwänglichen Gefühlen in der Politik, dass ich deutlich mehr anfangen könnte mit jemandem, der oder die sich mit harter, sachlicher, argumentativer, meinetwegen stocknüchtern vorgetragener Überzeugungsarbeit das Amt des „Hoffnungsträgers“ verdient, statt auf einer tsunamiähnlichen Beisterungswelle zu reiten.“

gefuehle1Ich habe ihr eine längere Antwort geschrieben:

Liebe Julia Karnick,

ich glaube mit deiner Meinung stehst du im Lager der Linksliberalen, der Gegnerinnen von AfD , und LePen nicht allein.

Gerade deshalb will ich widersprechen. Oder zumindest auseinanersortieren, was nach meiner Meinung nicht zusammengehört.

Ich möchte gerne trennen den Martin Schulz-Hype und das Thema „überschwängliche Gefühle in der Politik“.

Ganz Deutschland wundert sicher über diese sensationelle Explosion der SPD-Umfragewerte. Ich gehöre zwar zu denen, die sich über einen Zustimmungszuwachs für die SPD mehr freuen als über einen Zustimmungszuwachs zum Beispiel für die CSU, dennoch reibe ich mir auch die Augen, wieso nur der Austausch der Person, ohne dass bisher auch nur ein einziger Beschluss der SPD korrigiert worden wäre, so eine Begeisterung auslöst.

Aber ich finde, alle Demokraten müssen ernsthaft die Frage beantworten, woran liegt das? Zunächst einmal liegt es ganz bestimmt an der krassen Unbeliebtheit von Sigmar Gabriel. (Wenn man sich die lange Reihe der SPD-Vorsitzende der letzten zehn Jahre anschaut, war er vermutlich der sprunghafteste, auch der dünnhäutigste, der schneller als andere auch mal aggressiv und polternd reagiert hat gegenüber der Presse, gegenüber zum Beispiel auch der eigenen Juso Vorsitzenden usw.)

Zum anderen – das analysieren zumindestens die Meinungsforscher – zieht die „kumpelhafte“ Sprache von Martin Schulz sowohl ehemalige SPD-Wähler, die nicht mehr zur Wahl gegangen sind, als auch solche, die zur CDU, zu den Grünen oder zu den Linken abgewandert sind, wieder an. (Wir sind uns vermutlich darin einig dass die mantraartig vorgetragene Formulierung „ich setze mich für die hart arbeitenden Menschen ein“, immer sofort die Frage aufwirft, was denn mit dem Schicksal derer ist, die nicht so hart arbeiten können, weil sie arbeitslos sind, weil sie Invaliden sind, oder weil sie zu Hause bleiben müssen um als Alleinerziehenden ihre Kinder großzuziehen – wenn man das eventuell fälschlicherweise als „nicht hart arbeitend“ bezeichnen wollte).

Für Überlegungen zum zweiten Thema „Gefühlen der Politik“ möchte ich aber hier schon einmal festhalten: offenbar beweist auch der unglaubliche Stimmungsumschwung für die SPD nach dem Austausch einer Person,dass es in der Politik für die meisten Menschen viel weniger um Argumente als um Stimmungen geht.

Ich sage nicht, dass es mir so geht, ich sage, dass es sehr vielen so geht. Und wichtig ist vielleicht: dass wir einsehen müssen, dass wir diese Tatsache Jahre und Jahrzehnte lang nicht wahrhaben wollten.

Oder auch nicht wahrhaben konnten, weil ihre politische Stimmung 30-60 % der Wahlberechtigten dazu führte, überhaupt gar nicht an der Wahl teilzunehmen. Deshalb konnten ihre Gründe auch nicht in die Analyse der Wahlergebnisse einfließen. (Genauer gesagt: Sie hätten einfließen können, aber seit vielen Jahren wird der wachsende Anteil der Nichtwähler schlichtweg ignoriert! – Das rächt sich jetzt.)

Zum Abschluss meiner Überlegungen zum Martin Schulz-Hype möchte ich noch sagen, dass ich durchaus die Hoffnung habe, dass der Zustimmung-Hype, vor allem aber der Eintritt tausender – vor allem junger Menschen – in die SPD die SPD selber verändern könnte und auch Martin Schulz nach links schieben könnte, zu einem klaren Bruch der Agenda 2010, zu einer deutlicheren Distanzierung neoliberaler Wirtschaftspolitik zu einer klaren Gegenposition gegen die Flüchtlingshetze zum Beispiel der CSU.

Warum ich aber vor allem, liebe Julia Karnick, eine Antwort auf deinen Post formulieren möchte, ist die Haltung zum Thema „Gefühle in der Politik“. Ich bin im Gegensatz dazu der Meinung, dass wir viel mehr (aber eben echte) Empathie, Gefühle, Begeisterung und Vision in der Politik brauchen.

Ich glaube, dass die seit nunmehr über 30 Jahren währende Hegemonie neoliberaler Ideologie beim Thema Gefühle zwei gegensätzliche Erscheinungen hervorgebracht hat:

Einerseits sind Gefühle nur relevant, inwieweit sie Aktienkurse, Profite oder Marktchancen erhöhen können. Wenn das A und O nicht nur allen Wirtschaftens, sondern jeglicher Politik im Steigern des Aktienkurses, des shareholder value, besteht, dann haben Gefühle in der „Börse vor acht“, in der langen Tabelle der Aktien-Indices keinen Platz oder nur einen Platz wo man Gefühle zu Geld machen kann.

Und schließlich haben wir gerade in den letzten Jahrzehnten erlebt, wie jedes menschliche Gefühl ökonomisiert wird, sei es Liebeskummer, Todesangst, Freundschaft oder Verrat in den Hollywoodfilmen der gigantischen „Traum-Fabriken“ wie Sony, Walt Disney oder Warner Brothers. Sexualität war schon immer ein Thema mit dem man viel Geld machen konnte, Wellness, Sinnsuche und Esoterik sind genauso hinzugekommen wie Körperpflege, fit sein und last but not least „Partner suchen und finden“.

Das alles führt bei aufgeklärten, „kritischen“ Menschen dazu, Gefühlen in der Politik skeptisch gegenüber zu stehen. (Zusätzlich gibt uns unsere deutsche Geschichte, der Pathos Adolf Hitlers oder die Psychologie von Goebbels Sportpalastreden zu Recht Anlass, vorsichtig mit diesem Thema umzugehen!)

Und Linke sind hier spätestens seit 1968 erheblich vorsichtiger, zurückhaltender, „sachlicher“, als Rechte, Rechtspopulisten oder Rechtsradikale.

Der globalisierungskritische Publizist und Mitglied des Attac-Beirates, Peter Wahl, schrieb dazu diese Gedanken:

»Eigene Emotionen wie Hass, Rechthaberei, narzisstische Kränkung, Ehrgeiz, Schmerz und affektive Zuneigung in den eigenen Motivationen werden (bei Linken. M.O.) unterschätzt oder gar tabuisiert und mit dem Standardhinweis, man möchte sich nicht psychiatisieren lassen, abgewehrt. Andererseits macht die Linke für menschliche Bedürfnisse wie die nach Harmonie, Wärme, Geborgenheit, aber auch nach Fun und Rausch, nach symbolischer Sinngebung und Transzendenz keine oder zu wenige Angebote. Auffällig ist auch, dass im Gegensatz etwa noch zur 68er und Friedensbewegung, die Linke heute kaum noch künstlerische Hervorbringungen aufzuweisen hat, also Weltdeutungen, die aus einem hohen Anteil an Affekten bestehen und diese wiederum bei den Rezipientenansprechen.« (in : „Zwischen Innovation und Ohnmacht. Was kann glaube Governance zu linker Außenpolitik beitragen? Hamburg 2014).

Weil ich Peter Wahl an dieser Stelle zu 100 % zustimme, glaube ich, dass den hasserfüllten und von Aus- und Abgrenzung bestimmten Emotionen der Rechtspopulisten, positive Gefühle wie Solidarität, Empathie, Optimismus, Leidenschaft und Freude an gesellschaftlichem Engagement von linksliberaler Seite entgegengesetzt werden müssen.

Sachlichkeit, ohne Gefühl vorgetragene Argumentationsketten, werden von immer mehr Menschen (und ich finde nicht zu Unrecht) gleichgesetzt und in einen Topf geworfen mit einem generell als unehrlich, oberflächlichen Politikbetrieb und einem Politiker-Sprech, der die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern verschleiern soll.

Deswegen mag ich gerne die Reden von Margot Käsmann, von Gregor Gysi hören, auch Norbert Lammert kommt für mich oft authentisch und voller Empathie rüber. Und die Begeisterung eines Großteils der jungen Generation der USA für einen Politiker wie Bernie Sanders, der sich sogar mit den Etikett „demokratischer Sozialist“ verbindet, ist für mich ein Ausdruck dafür, dass politische Aussagen voller Gefühle, voller mitreißende Begeisterung, voller Empathie nicht automatisch eine Gefahr für die Emanzipation der Menschen und die „Demokratisierung der Demokratie“ darstellen sondern eine wichtige Voraussetzung dafür.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Februar 2017 von in Kultur, Linke Politik, Psychologie.
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