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Über Panik und Gelassenheit im Zeichen des „Trump-Horrors“

Was hat Johannes XXIII. mit Donald Trump zu tun?

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Johannes XXIII. ’s Devise: „Sehe alles, behalte viel, korrigiere wenig!“

In einem seiner ersten längeren Interviews begründete der neu gewählte Papst Franziskus, den ich mit der Titanen-Aufgabe, die katholische Kirche zu reformieren, gerne vergleiche mit den Versuchen Michael Gorbatschows, eine totalitäre Diktatur in eine sozialistische Demokratie zu transformieren, seiner Arbeitsweise mit einem Zitat von Papst Johannes XXIII., welches dieser wiederum von Papst (!) Gregor dem Großen (540-608) gelernt hatte:

„Sehe alles, verstecke (*) viel, korrigiere wenig.“(lat.: Omnia videre, multa dissimulare, pauca corrigere)

An diesen Gedanken muss ich in diesen Tagen denken, da ein Spruch durch alle Talkshows und Nachrichtensendungen wandert: „Man wagt ja gar nicht, wenn man aufwacht, zu lesen was in der Zwischenzeit US Präsident Trump wieder an neuem schrecklichen getwittert hat!“

Die kabarettistische ZDF-Sendung „Die Anstalt“ vom 7.2.2017  verwandt sogar ein zehnminütiges Intro auf die Frage, ob man sich denn mit allen neuen Scheußlichkeiten des blonden Rassisten, Moslemhasser und Sexisten im Detail beschäftigen solle, oder ob das nur ablenke?

Und auch ich gestehe, es geht mir sehr auf den Geist, dass – ob auf meinem Twitter – oder meinem Facebook Account –  80 % aller Meldungen diesem Thema gelten und dazu auch mit immer neuen Fotos eines hasserfüllten, wütenden, abwertenden Donald Trump dekoriert.

„Sehe alles, verstecke (*) viel, korrigiere wenig.“

Da ich davon ausgehe, dass wir es in der Tat noch viele Tage, Wochen Monate und vermutlich auch Jahre mit immer neuen Scheußlichkeiten zu tun haben werden, immer mehr Krawall, Aggressivität, Abwertung und Spaltung von Donald Trump und seinem neonazistischen Berater Steve Bannon ausgehen wird, scheint mir die Frage schon angebracht: „Wie wollen wir unseren kommunikativen Alltag regeln in Zeiten des täglichen Trump-Horrors?“

Da hilft mir dann das Prinzip der Unterscheidung, wie es die Päpste Franziskus von Johannes XXIII., und dieser von Gregor den Großen gelernt haben: Alles sehen, genau hingucken, nirgendwo den Kopf in den Sand stecken, nichts verharmlosen, nichts fahrlässig übersehen, und ungeschminkt auch dem Bösen ins Auge blicken. Und dann mit der schwierigen Aufgabe täglich neu beginnen zu unterscheiden: was kann, was muss ich heute liegen lassen (und nur in diesem Sinne: übersehen) und was kann und will ich mit meinen bescheidenen Kräften sehen, anpacken und verändern?

Anders formuliert geistert ja schon seit langem der Spruch durch politische Poesiealbum:

„Gott gebe mir die Gelassenheit, zu lassen, was unveränderbar ist, Gott gebe mir die Kraft, zu verändern, was veränderbar ist, und Gott gebe mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!“.

Für mich hat das heute Morgen bedeutet, die Müdigkeit zu überwinden, die Informationen über immer neue Schweinereien zu verarbeiten. Heute Morgen hieß das für mich zum Beispiel, obwohl wir wissen, dass Trump mit den Medien auf Kriegsfuß steht, es als eine ganz neue Qualität wahrzunehmen, dass er den Medien in Gänze unterstellt, bewusst und mit dem Ziel der Verharmlosung des islamistischen Terrors dessen Terrortaten zu verschweigen. Und ebenfalls wahrzunehmen, dass er dann noch eine Liste von Beispielen veröffentlichen lässt, die allesamt auf das Gegenteil hinauslaufen, nämlich, dass darüber ausführlich in den US-Medien berichtet wurde.

Der zweite Schritt also, den ich von Gregor dem Großen lernen will, lautet: „verberge(*) viel!“

Aber auch hier schon will ich zu unterscheiden lernen: die vielen Schandtaten, die immer neuen Rechtsbrüche und Verfassungswidrigkeiten die Menschenverachtung der neuen Herren im Weißen Haus, sie brennen sich hoffentlich fest ins kollektive Wissen der Menschheit des 21. Jahrhunderts ein.

Nicht vergessen, was Trumps täglich an neuen kreativen Widerstandsformen hervorbringt

Was aber aus meiner Sicht viel zu schnell in Vergessenheit gerät, sind die täglich neuen Beispiele eines Widerstands gegen diese Politik der Unmenschlichkeit, die nach meiner Ansicht alles an Politisierung, an kreativem Protest, an couragiertem Widersprechen in den Schatten stellt was man bisher aus der an Höhepunkten nicht armen Protest-Geschichte der vereinigten Staaten kannte.

  • Die bewegende Rede von Meryl Streep am 8. Januar anlässlich der Golden Globe Verleihung war der Anfang einer Serie von kulturellen Höhepunkten in den USA, die geprägt waren von Widerstand gegen den neuen Präsidenten. Meryl Streeps Verdienst bestand für mich auch darin, dass sie eine Begebenheit, die in Europa kaum Aufmerksamkeit erregt hatte ans Licht der weltweiten Öffentlichkeit brachte, dass nämlich der damalige Präsidentschaftskandidat Donald Trump in ekelhafter Weise einen körperbehinderten Reporters nachäffte. (YouTube Video🙂
  • Eine Reihe prominenter Hollywood-Schauspieler, unter anderem George Clooney, , haben aus Protest gegen die menschenfeindliche Politik des Präsidenten zu einem unbefristeten qualifizierten „Hollywood-Streik“ aufgerufen, so lange bis Donald stammt sein Amt niedergelegt hat.
  • Das deutlichste Signal des Umfangs und der Tiefe eines Widerstandspotenzials gegen die Menschenverachtung der neuen US-Administration zeigte sich, als einen Tag nach der Vereidigung des Präsidenten am 21. Januar 2017 in 654 (!!!)  Städten der USA und 261 weiteren Orten auf der ganzen Welt zwischen 3,5 und 4 5 Millionen Frauen und Männer am „Women’s march“ teilnahmen. (Detaillierte Zahlen hier🙂
  • Ebenfalls eine neue Qualität in Schnelligkeit und quantitativen Umfang der Proteste wurde erreicht als wenige Stunden nach der Verkündung der #muslimban an Flughäfen überall in den USA zigtausende demonstrierten und jene Flüchtlinge, die trotzdem noch einreisen konnten in einer Herzlichkeit willkommen hießen, die an die Ankunft der Flüchtlinge Anfang September 2015 am Münchner Hauptbahnhof erinnerte. (Eine Übersicht, die übrigens meistenteils auf Nachrichten der entsprechenden in wenigen Stunden gegründeten Facebook Seiten fußt, hier🙂
  • Nur ein Bruchteil berufsspezifischer Protestformen dringend an die europäische Öffentlichkeit. Einer davon war der spontane Taxifahrer Streik gegen das Einreiseverbot aus den sieben muslimischen Ländern (Link🙂
  • ungewöhnlich für linke (und vielleicht von denen auch schwer zu verkraften) wie sich relativ schnell – (aber wohl erst nach den millionenhaften Protesten auf der Straße) Vorstandsvorsitzende wichtiger großer US-amerikanischer Konzerne, wie zum Beispiel Mark Zuckerberg gegen das Einreiseverbot aussprachen. Der wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Steuerhinterziehung durchaus berüchtigte Starbucks Konzern ging sogar soweit, aus Protest gegen James Einreiseverbot zu verkünden, dass er künftig 10.000 Flüchtlingen Arbeit in seinen Filialen vermitteln wolle.
  • Rund um das wichtigste Sportereignis in den vereinigten Staaten, den Super-Bowl gruppierten sich eine Reihe von Trump-Protesten. Lady Gaga nahm in ihrem Auftritt mehrfach Textzeilen aus dem bekanntesten US-amerikanischen Protestsong „This land is my land“ von Woody Guthrie auf. Der Coca-Cola Konzern zeigte in seinem Werbeclip in der Halbzeitpause Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit oder mit verschiedener Hautfarbe. Im Hintergrund wird die patriotische Hymne „America the beautiful“ gesungen – in verschiedenen Sprachen wie Spanisch, Arabisch und Hindi. Der Clip endet mit der Aussage „Together is beautiful“
  • Radio Vatikan berichtete in einem Beitrag darüber, dass die Bewegung „Kirchenasyl“ seit der Wahl von Donald Trump einen sprunghaften Anstieg von Unterstützerinnen und Unterstützern verzeichnen kann.
  • Analog einer Bewegung, die in Deutschland mit dem Namen „Kirchenasyl“ verbunden ist, haben sich die allermeisten Großstädte der USA zu sogenannten“sanctuary cities“ zusammengeschlossen. Das Wort“ sanctuary“ bedeutet zunächst Heiligtum auch im Sinne von heiliger Stätte, und des weiteren Zufluchtsstätte. All diese Städte haben öffentlich erklärt dass sie sich der Registrierung sogenannter illegaler Einwanderer zum Zwecke der Ausweisung, wie sie Donald Trump plant, widersetzen werden und Flüchtlingen eine sichere Zuflucht bieten. Das Nachrichtenmagazin der Spiegel spricht in diesem Zusammenhang vom „Aufstand der Bürgermeister“.
  • Das weltberühmte New Yorker „Museum auf modern Art (MoMa)“ konterte Trumps Einreiseverbot mit einer Ausstellung von Künstlern aus den mit dem #MuslimBan belegten arabischen Staaten.

Diese Geschichte dieser Aufzählung lässt sich vermutlich jeden Tag fortsetzen. Vielleicht ist ja das schon einmal ein ganz wichtiger Hinweis: nicht nur jeden Tag neue unglaubliche Handlungen des Präsidenten zu lesen, sondern wahrzunehmen was jeden Tag an neuen auch unglaublichen, im Sinne von bisher unbekannten Formen des Widerstands überall auf der Welt zu sehen sind.

Natürlich bleibt die Frage, worin besteht denn für mich als Individuum die dritte Aufgabe: „Wenig verändern“?

Ist es verwunderlich, dass ich darauf noch keine eindeutige Antwort finde? Wie ein Pilzsammler im Wald nach einem warmen Regenschauer im Herbst, der neue Gewächse aus dem Moos schießen lässt, so surfe ich durch soziale Medien und Zeitungseiten und suche nach dem Verbindenden.

Denn eins ist auch klar: weder ein Martin Schulz noch ein Emanuel Macron, weder ein Bernie Sanders (obwohl seine Nominierungskampagne mehr als alle anderen schon sehr viel den Charakter einer Graswurzelbewegung gezeigt hatte!) noch der neue britische Labourchef Jeremy Corbyn taugen als Hülle zur Vereinigung all jener, die in den USA und überall auf der Welt für Menschenrechte, für Demokratie und Toleranz und gegen Sexismus und Hass aufstehen.

Welche politischen Forderungen, welche Organisationsformen des Protestes und der politischen Willensäußerung, welche historischen Daten eignen sich dafür, diese Bewegung kontinuierlich zu entwickeln und immer weiter zu verbreiten?

Auf dem „Women’s march“ wurde in meinen Augen am deutlichsten sichtbar, wie groß das Spektrum sein könnte. Von der Multimillionärin und Entertainerin Madonna über die Charakterdarstellerin Scarlett Johansson bis hin zur Grand Dame der US-amerikanischen linken und feministischen Bewegung, Angela Davis. Zwischendrin die unterschiedlichsten Formen von Frauenzusammenschlüssen und -Initiativen aber wohl auch hunderte von völlig spontan entstandenen Fahrt-, Bus-und Fluggemeinschaften. Und dazu eine Vielzahl von Männern, nicht nur der nach Jahren beruflicher Politiktätigkeit erstmals im Ruhestand mitdemonstrierende ehemalige Außenminister John Kerry.

Und immer deutlicher auch: die wichtige Rolle sozialer Medien, wie Twitter und Facebook (hier vor allem Facebook Gruppen) bei der demokratischen Mobilisierung.

Was also empfahl Papst(!) Gregor der Große: Sehe alles, behalte viel, korrigiere wenig.

Korrigiere wenig! Aber was denn? Die große Korrektur des Verlaufs der Menschheitsgeschichte basiert auf vielen kleinen Korrekturen.

Das Recherchieren, Sammeln und Auswerten der vielen kreativen Formen demokratischen Engagements, der radikalen Politisierung der US-amerikanischen Gesellschaft, kann uns helfen, kleine Schritte der Korrekturen zu erkennen: eine politisierte, demokratisierte Zivilgesellschaft in der viel mehr als in der Vergangenheit Menschen sich informieren und gegenseitig motivieren, couragiert ihre eigene Meinung einzubringen und dabei die Vielfalt der Meinungen nicht als eine Belastung sondern als die Chance zu sehen, die Herausforderungen der Zukunft so zu meistern, dass alle, nicht nur Wall Street und deren Mitläufer davon profitieren.

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Zu der Spruch-Weisheit von Gregor den Großen in der lateinischen Fassung: dissimulare“ erreicht mich eine Übersetzungshilfe der Schweizer Theologen Peter Eicher. Er schrieb mir auf Facebook:
Die Übersetzung stimmt nicht: dissimulare heisst nun wirklich nicht „behalten“. Im Französischen bedeutet dissimuler heute noch „verbergen, verstecken“, ja sogar „täuschen“. Im klassischen Latein geht es um die Aufmerksamkeit, die sehr genau registriert, doch sich nicht im geringsten anmerken läßt, dass sie begriffen hat, was geschieht. Klug wie die Schlange aus der Erfahrung heraus handeln – und es sich nicht anmerken lassen – in diese Richtung geht das alte lateinische Proverb.“
Danke für diesen Hinweis!

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Februar 2017 von in Geschichte, Psychologie, Religion, social networks und getaggt mit , , , , , .
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