Respect! Empower! Include!

Respektieren! Ermutigen! Zusammenführen!

Nach Trump: Meine Hoffnung in diesen Angst-Zeiten

Markus Decker hat in der Frankfurter Rundschau einen beeindruckenden Essay unter dem Titel „Aus der Traum“ (http://bit.ly/AusDerTraum) verfasst. Detailliert und mit vielen privaten Begebenheiten seiner Familien-Geschichte nimmt uns der Autor mit auf eine Zeitreise die am Ende- nach AfD, LePen und Trump-Erfolgen -und  samt einer umfangreichen Briefabfrage bei Freunden aus Ost und West zurückkehrt zu dem düsteren Satz, den seine Mutter in der Nachkriegszeit mantraartig wiederholte “Es wird nicht besser“.

 Seine gefestigte Überzeugung sei noch vor einem Jahr gewesen, „dass wir nach all den KZ -Besuchen und Nazifilmen, den beschämenden Unterrichtsstunden und aufrüttelnden Gedenkreden grundlegendes gelernt hätten. Nationalismus, Rassismus, Krieg – nein das würde es in Europa nie mehr geben können, nicht mehr in meiner Lebenszeit.“ Um heute zu erkennen: „Wie kurzsichtig! Wie naiv! Wie geschichtsvergessen auch!“

 Ein eindrucksvoller, ein lesenswerter, aber vor allem ein verdammt ehrlicher Text, dessen individueller Wahrheit ich mich beim Lesen nicht entziehen konnte.

 Und dennoch: nicht überraschend, ich habe meine Kindheit, mein Erwachsenwerden und mein Altwerden zunächst in der Bonner und jetzt der Berliner Republik ganz anders erlebt.

Warum ich voller Hoffnung bin in diesen Zeiten der Angst!

 

halb-voll-oder-halb-leer-7f8623c2-b940-4b40-ab90-509b30061dfb

Woran liegt es, ob ich nach TRUMP und AfD das Glas halb voll oder halb leer sehe? An den Eltern, dem Glauben? oder was?

Im Gegensatz zu Markus Deckers Mutter hatte die meinige keine Sparbücher. Wir lebten von der Hand in den Mund, hatten oft Schulden, als Siebenjähriger schon lernte ich, dass der „Kuckuck“ genannte Aufkleber ein Pfandsiegel des Gerichtsvollziehers war, und dennoch kamen wir irgendwie über die Runden. Als Tochter eines ostpreußischen Großbauern bekam sie über die Jahre verteilt 20.000 DM Lastenausgleich, der es ermöglichte, den Schuldenstand immer wieder auf Null zu stellen.

Nachdem mein Vater als Pfarrer in Bremen im Jahre 1950 Berufsverbot bekam, als er sich von den Protesten gegen die Remilitarisierung auch durch die Anwesenheit von Kommunisten nicht abhalten ließ, konnte er über Jahre hinweg kaum etwas zum Familieneinkommen beitragen. Verwandtschaft und Freunde wandten sich von ihm als einem „Agenten des Spitzbarts“ (gemeint war SED-Chef Walter Ulbricht) ab, die Ehe ging kaputt und meine Mutter erzählt uns jahrelang, dass sie uns nur von den vom Munde abgesperrten Spesen als Außendienstmitarbeiterin ernähren konnte. Irgendwann kam der Alkohol und zweimal auch eine Überdosis Schlaftabletten. Sie mag wohl im innersten gefühlt haben: “Es wird nicht besser!“ So wie die Mutter von Markus Decker gesagt hat sie es nicht, sondern sich redlich abgestrampelt , ihren drei Söhnen eine – wie man wohl noch heute formuliert “ordentliche Ausbildung“ zu finanzieren.

Politisch ermahnte sie uns nach den abschreckenden Erfahrungen mit den linken Eskapaden ihres geschiedenen Mannes – immer wieder, nicht zu sehr in den Widerstand zu gehen, sondern Verantwortung zu tragen für unsere kommenden Frauen und Kinder.

Dennoch hat sich am tiefsten eingegraben ein anderer Gedanke, der auch von ihr kam: „Der Verlust der Heimat und des heimatlichen Hofes ist der schrecklichste Verlust meines Lebens. Aber er ist der Preis dafür, dass unsere Eltern und Großeltern die Nazis an die Macht gewählt haben.“

Mein Vater, war nach seiner Entlassung als Pfarrer zunächst hochwillkommenes Aushängeschild für die westdeutsche KPD und die SED. Der rote Pastor aus Bremen war ihnen leuchtendes Beispiel für das „Bündnis mit bürgerlichen Kräften“ und seine rhetorische Begabung sollte viele Säle in West wie aus Deutschland füllen. So weit so schlecht. Bis er im  Jahr 1960 anlässlich eines Besuches in der DDR als Ehrengast zum 150. Jubiläum der Humboldt-Universität aus bis heute ungeklärten Gründen aus der DDR ausgewiesen, zur „Persona non grata“ erklärt wurde und seit dieser Zeit jeglicher Kontakt der DDR Kommunisten mit ihm abgebrochen war.

Er war immer ein Utopist, er war ein überzeugter religiöser Sozialist, der seine Heilsgewissheit sowohl aus den Geschichten und dem Leben des Wanderprediger aus Nazareth zog, wie auch aus seinem Geschichtsverständnis des Aufstiegs vom Niederen zum höheren, wie er es wohl aus den SED-Broschüren für sich übernommen hatte.

Wir Kinder spürten, dass er in der Realität nicht besonders verankert war, seine bescheidene Pension, die er nach jahrelangen Disziplinarverfahren zugesprochen bekommen hatte, gab er neben dem Unterhalt für seine Kinder für theologische Literatur aus aber auch hier, mehr als er hatte, so das der Gerichtsvollzieher auch bei meinem Vater mehr als einmal seinen allerdings erfolglosen Besuch abstattete.

Als 1950 geborener war ich 17 als Benno Ohnesorg erschossen wurde und 18 Jahre alt als Rudi Dutschke niedergestreckt wurde. Für uns war klar, wir wollten nicht nur „unter den Talaren den Muff von 1000 Jahren“ abschaffen, wir wollten die Revolution, die Umwälzungen aller gesellschaftlichen Verhältnisse. Wir wollten die Familie abschaffen, wir wollten Gruppensex, bis wir in den ersten Eifersuchtsdramen versanken und wir waren gewiss dass das alles jetzt kommen müsste. Der Unterschied zwischen Martin Luther King und  Malcom X war das nicht so wichtig, aber spätestens als die Panzer der Warschauer Vertragsstaaten den Prager Traum von einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ unter ihren Ketten zermalmten, trennten sich die Wege der vorher noch Arm in Arm marschierten Vietnamkriegsgegner.

Durch die Biografie meines Vaters gehörte ich zu dem kleinen Teil, der sich nicht auf den Marsch durch die Institutionen (Gewerkschaften, Jusos, und später die Gründung der Grünen Partei) oder aber zu Baghwan in den Ashram nach Poona oder die heimische Psychotherapie begaben, sondern den hoch organisierten dogmatischen Parteikommunisten sowjetischer Lesart zuwandte. Zwölf Jahre meines Lebens habe ich als hauptamtlicher Funktionär des DKP Jugendverbandes SDAJ die Hoffnung gehabt, einen anderen, einen besseren, eben einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz im eigenen Lande miterrichten helfen zu können. Das war nur möglich, weil ich eine hocheffiziente Verdrängungsleistung der stalinistischen Verbrechen der Vergangenheit, aber auch der menschenfeindlichen Praxis unserer „Kampfgenossen in der DDR“ leistete, die mich im Nachhinein versöhnlich stimmte mit dem, was drei Generationen vorher in meinem Heimatland an Verdrängung zu den faschistischen Verbrechen an den Tag gelegt wurde.

Zweifelsohne eher ungewöhnlich für die Generation der DKP, SDAJ und MSB-Spartakus-Generation erlebte ich meinen Crash, meine persönliche Wende schon fünf Jahre vor dem implodieren des „sozialistischen Weltsystems“ als mich nach immer mehr Meinungsverschiedenheiten zu Fragen der Demokratie und der neuen sozialen Bewegungen mein Arbeitgeber der Agententätigkeit und des Spitzelwesens „für den Klassengegner“ verdächtigte und ich den Abschied von dieser Partei nahm in der klaren Gewissheit: „Würde ich jetzt in der DDR leben, wäre ich im Gefängnis gelandet und hätte ich dasselbe vor 50 Jahren in Moskau erlebt, wäre ich bereits standrechtlich erschossen.

Bis zu diesem damals 34. Lebensjahr hätte durchaus das Motto von Markus Deckers Mutter gepasst „Es wird nicht besser“. Allein es wollte sich nicht einstellen.

In aller Verzweiflung, in der übergroßen Einsamkeit die sich daraus ergab, dass mein gesamter Freundeskreis ausschließlich aus Parteimitgliedern bestand die sich alle von mir abwandten, half mir Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“.

Immer wieder suchte ich Zeichen der Hoffnung, der Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse trotz der nun eingesetzten langen Jahre der Kanzlerschaft der „Birne“.

Ich hatte auf die Babyboomer à la Bill Clinton gehofft. Und wurde enttäuscht. Ich hatte wie so viele meiner Generation auf die rot-grüne Regierung unter Schröder, Lafontaine und Joschka Fischer gehofft. Und wurde enttäuscht. Und obwohl schon sechs Jahre abgewandt von einer Partei die im Inneren stalinistischen Strukturen pflegte, hoffte ich in den Monaten vom 6. Oktober 1989 bis zu den Frühjahrswahlen 1990 auf ein Revival des Prager Experiments und wurde durch den Einigungsvertrag von Wolfgang Schäuble und Günter Krause aufs bitterste enttäuscht.

Ich überspringe die darauf folgenden 20 Jahre, in denen ich dreifacher Vater wurde und in Ermangelung anderer Erwerbsmöglichkeiten als gescheiterter DKP Funktionär im Beschwerdemanagement der zweitgrößten deutschen Versicherung Karriere machte, in denen ich in Elternbeiräten oder Initiativkreises zur Gründung alternativer Krankenhäuser versuchte allerkleinste Schritte und Beiträge zur Transformation zu leisten.

Ich überspringe fünf Jahre, in dem ich erneut in die frisch vereinigte Linkspartei eingetreten war und 2011 resigniert austrat, als ich erkannte das auch dort dem Stalinismus nicht wirklich konsequent und überall entgegengetreten wurde. Wieder bitter enttäuscht.

Ich frage mich beim Schreiben dieses Artikels, bei dem ich mich um eine Analogie zu Markus Deckers Text „Aus der Traum“ bemühe, wieso ich bei so viel Enttäuschungen dennoch nie die Hoffnung aufgab. Es waren seit 2000 der Besuch der Kirchentage zum Beispiel, diesen Schmelztiegeln von Graswurzelinitiativen, die mir Mut machten, es war das Erwachsenwerden meiner drei Söhne, die in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit und auch völlig andersgearteten Gesellschaftssicht wie die ihres Vaters alle drei voller Zuversicht und voller Zukunftsfreude aufgewachsen sind und ihre unterschiedlichen Wege gehen.

Und es war wie nie zuvor in meinem Leben das Engagement, das ich noch einmal ab dem Jahr 2013 in meinem Heimatort Wandlitz an den Tag legte für eine Willkommenskultur gegenüber den neu eintreffenden Flüchtlingen. Was ich dort zunächst im kleinen erlebte mit dem Ergebnis, dass Wandlitz seit langem einen No-Go-Area für Neonazis, für AfD oder Pegida-Demonstrationen ist, hat sich in meinen Augen ab dem September 2015 in tausenden von Dörfern, Kleinstädten und Metropolen wiederholt. Entgegen den laut schreienden Hasspredigern gibt es in unserem Land eine zahlenmäßig vielfach überlegene Anzahl von Menschen, die Flüchtlinge in ihrer Familie, in ihren Wohnungen aufnehmen, das Deutsch lernen erleichtern, sie bei Gängen zu Arzt und Behörden begleiten, Spenden für die Erstausstattung sammeln und verteilen oder gar außerhalb der deutschen Grenzen an den Brennpunkten unmenschlichster Flüchtlingsabschottung, auf griechischen Inseln oder im serbischen, ungarischen oder mazedonischen Lagern Barmherzigkeit, Solidarität und Empathie zeigen.

Sie handeln politisch, aber definieren sich nicht als politische Bewegung. Viele von ihnen sehen sich als unpolitisch und meinen aber nur die extreme Ferne zu politischen Parteien.

Folgende Gegenüberstellung soll verdeutlichen, was ich meine: Für einen Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim braucht es einen Verbrecher, 5 l Benzin und einen Streichholz. Wenn er gelingt, löst er tagelange Berichte in den Zeitungen aus. Für die Arbeit der ca. 2500 Willkommensinitiativen in Deutschland braucht es pro Initiative durchschnittlich 50-100 Menschen die vielleicht rollierend, aber über viele Monate hinweg die oben genannten Hilfsprojekte durchführen.

Immer mehr Journalisten berichten immer häufiger davon, aber es gelingt ihnen nicht, die Überzeugung zu prägen dass dies die Mehrheit der in der Flüchtlingsfrage Aktiven ist.

Keine Frage, der 8. November 2016 war auch für mich wieder so eine Enttäuschung denn trotz aller Kritik an den zum Teil kriminellen Wahlfälschungen in der Demokratischen Partei gegenüber Bernie Sanders hatte natürlich auch ich gehofft und geglaubt, dass die demokratische Kandidatin das Rennen machen würde.

Keine Frage der 20. Januar 2017 war auch für mich ein Schock. Denn diese Steigerung von Donald Trumps Wahlkampfrhetorik in einer aggressive Blut-und-Boden-Rhetorik

die ganze Welt in den Gegensatz zu den USA setzte, seine Vision, die im Klartext heißt: „Donald Trump First“ hatte auch ich nicht erwartet.

Aber wer von uns allen – im doppelten Wortsinn: um alles in der Welt, konnte den erwarten, dass am Tag darauf zwischen dreieinhalb und viereinhalb Millionen vor allem Frauen aber auch Männer auf der ganzen Welt zu einem geschichtlich einmaligen Protesttag aktiv werden würden.

Ich komme zum Schluss zurück auf die Gespräche mit Flüchtlingshelfern, auf die Erfahrungen bei den Lesungen zu meinem Mutmachbuch „Refugees welcome – Geschichte einer gelungenen Integration“, in denen ich immer wieder versuche, herauszubekommen, was die Ursache für die weltweit einzigartige Tiefe der Flüchtlingssolidarität ausgerechnet in Deutschland ist.

Von manchen ausgesprochen, von vielen unausgesprochen ist es die Antwort auf Auschwitz, und  Buchenwald, auf Dachau, auf Lidice und Oradour und so viele andere Symbole deutscher Unmenschlichkeit.

Und deshalb, lieber Markus Decker, teile ich ihre Auffassung, wie sie sie noch vor einem guten Jahr hatten: als sie „in der festen Überzeugung (lebten), dass er nach all den KZ-Besuchen und Nazifilmen, den beschämenden Unterrichtsstunden und aufrüttelnden Gedenkstätten grundlegendes gelernt hätten. Nationalismus, Rassismus, Krieg – nein das wird es …  nie mehr geben können nicht mehr in meiner Lebenszeit.“

Ich mag nicht für Europa sprechen und denken und in den hysterischen rassistischen und ausländerfeindlichen Politiken ehemaliger realsozialistischen Länder erkenne ich die verbrannte Erde des Stalinismus, das Fehlen jeglicher demokratischer Tradition.

Aber in unserem Land, gibt es eine gesicherte feste Mehrheit gegen Rassismus und Faschismus. Meine Mutter ist seit 16 Jahren tot, ich weiß nicht wie sie heute darüber denken würde. Nach all ihren schlechten Erfahrung mit linker Politik in der Familie ist sie nicht gerne auf Demonstrationen gegangen, aber, wenn die NPD in Nürnberg aufmarschierte, dann hatte sie auch keine Furcht vor dem Wasserwerfern.

Ist unser deutsches historisches Glas also halb voll oder halb leer? Hängt es wirklich so sehr von Eltern und Großeltern ab? Ich weiß es nicht.

Aber als ich bei meinem Besuch in Nordafrika und meine Frau erst vor zwei Wochen bei ihrem Besuch in Sri Lanka immer wieder anerkennend auf Angela Merkel angesprochen wurde, da bezogen wir dieses Lob nicht allein auf eine Kanzlerin sondern das Land mit der größten und kreativsten antirassistischen Kultur des Flüchtlingswillkommens. Das führt mich zu meiner tiefen Überzeugung „Es wird besser!“

Advertisements

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Januar 2017 von in 68, SDAJ, biografisches, Geschichte, Linke Politik, Willkommenskultur und getaggt mit , , , , .
%d Bloggern gefällt das: