Respect! Empower! Include!

Respektieren! Ermutigen! Zusammenführen!

Wir müssen reden (lernen)

Statt Verzweiflungstaten: konstruktiven Dialog üben

Deutschland driftet auseinander. Keine Frage. Die Sorgen und Ängste vor einer scheinbar unüberschaubaren Zukunft nehmen zu. Es wächst der Ruf nach fertigen Konzepten, starken Männern und Frauen, nach Lösungen für Aufgabenstellungen, die noch gar nicht klar formuliert wurden. Wie absurd, dass in dieser Situation die Vokabel “ besorgte Bürger“ zum Synonym für Neonazis und Ausländerfeinde gemacht wurde.

Herzlos müsste die oder der sein, sich in diesen Monaten keine Sorgen zu  machen.

Um den Frieden in der Welt, um den Zusammenhalt der Gesellschaft, Sorgen machen sich die einen vor den zunehmenden Brandanschlägen und Gewalttätigkeiten gegen Flüchtlingsheime und ihre BewohnerInnen und die anderen um die Zunahme des Fremden, des Unbekannten, vor all dem scheinbar Unberechenbaren.

Die einen sorgen sich um die Gleichberechtigung, um sexistische Gewalt und Übergriffe, darum dass diese Gesellschaft nach rechts rücken würde und andere sorgen sich, dass die naiven Gutmenschen mit ihrer Willkommenskultur die Grundlagen der staatlichen Ordnung und Sicherheit untergraben würden.

Polarisierung also allenthalben.

Aber im Gegensatz zu vielen Kommentatoren, die oberflächlich und gedankenlos zwei von ihnen definierten Menschengruppen gleichermaßen die Verantwortung für diese Polarisierung geben, den einen, die – wie gesagt – naiv Fähnchen schwenken würden und mit ihren Willkommensrufen die kommenden Probleme vertuschen wollen (wer sowas schreibt hat noch nie eine Nacht als Helfer vor dem LaGeso verbracht, mit einem Flüchtling einen Arztbesuch absolviert, oder sich dessen Fluchtgeschichten erzählen lassen) und auf der anderen Seite jene, die Gabriel und Merkel an den Galgen wünschen, und die Meinungsvielfalt der demokratischen Presse als Lügenpresse denunzieren.

Nein! Nein! Nein!

Es ist ein ganz anderer Gegensatz, er verläuft nicht exakt parallel zu der Frage „wie stehst Du zu den vielen Einwanderern?“.

Die Trennungslinie verläuft zwischen denen, die in all der Unübersichtlichkeit weiterhin am demokratischen Diskurs, am Dialog festhalten wollen, und die auch unter komplizierten Bedingungen auf die Kräfte des Kompromisses und der Verständigung setzen. Und die anderen, die keine Verständigung wollen. Keinen Dialog, nicht zuhören, nicht ausreden lassen, die in ihrer ganzen Wut genau wissen dass sie Recht haben und die anderen Unrecht.

communication Speech Bubble

Will ich überhaupt zuhören, vom anderen was Neues erfahren? lernen? Kompromisse eingehen?

Vor allem mit Pegida und AfD, also den nur geringfügig weichgespülten Ausländerhassern. wird letzte Gruppe in Zusammenhang gebracht.

Aber wir erleben eben diese Gewalttätigkeit auch bei jenen die in Dresden die Autos von Pegida Anhängern anzünden oder in Potsdam eine bis dahin breite Bürgerbewegung gegen Ausländerfeindlichkeit und Hass unterminieren wollen, indem sie in kurzer Zeit alles kurz und klein schlagen was ihnen vor ihrer schwarzen Kapuzenjacken kommt. Das sind weder Linke, noch Autonome, das sind keine Anarchisten (in Bakunin Sinne) sondern immer wieder entwurzelte, resignierte Kleinbürger (und ja, natürlich sind sie auch „kriminell“), die Feindbilder brauchen, um ihre Angst vermeintlich überwinden zu können.

Auch die Frage „soll ich mit Pegida- oder AfD Leuten diskutieren?“ geht in ihrer  Abstraktion aus meiner Sicht an der Aufgabenstellung vorbei.

Die Frage muss doch heißen: ist man als Diskussionspartner zum Dialog bereit, ist er oder sie bereit, mir zuzuhören, auf mich einzugehen, und das schließt natürlich ein: bin ich bereit, ihm oder ihr zuzuhören und auf ihn oder sie einzugehen.

In hunderten von Bürgerversammlungen zeigte sich, dass die sogenannten aufgebrachten Bürger nicht an diesen Ort kamen, um zu lernen, den Diskurs zu üben, anderen zuzuhören und auf der Grundlage der neu erworbenen Informationen Kompromisse abzuwägen. Sie sind gekommen, um laut, aggressiv und polemisch Stimmung zu machen, die Versammlung zu stören, sie verhalten sich in der Regel so, dass sie einerseits sich als unterdrückte Minderheit mit Gewalt Gehör verschaffen wollen und andererseits immer wieder skandieren, sie seien die Mehrheit “ des Volkes“.

Das Auftreten von AfD-Politikern in Talkshows hat den einen Zweck erfüllt: zu zeigen, dass sie genau dieses bezwecken: kein Dialog, kein Kompromiss, keine Brücken bauen, sondern abschotten, abwerten, verurteilen und sich immer wieder als Lordsiegelbewahrer der sogenannten “ schweigenden Mehrheit“ gerieren.

In der Biografie von Steve Jobs wird von einem Gespräch berichtet, dass er mit dem Medien-Mogul Rupert Murdoch führte. Steve Jobs beschwerte sich über die Hetzsendungen des Fernsehsenders Fox und sagte dabei einen Satz, der mir seit ich ihn gelesen habe, nicht aus dem Kopf geht:

“ Heute kommt es immer weniger auf den Gegensatz zwischen progressiv und konservativ an, sondern auf den Gegensatz von: konstruktiv oder destruktiv.“

Ich halte das für wichtig,. Wir können der Polarisierung entgegentreten. Sie ist kein Naturgesetz. Und sie nützt niemandem. Über das große Bündnis der Menschlichkeit hinaus, den Aufstand der Anständigen oder wie auch immer man das breite Bündnis jener Bürgerinnen und Bürger bezeichnet, die die Empathie mit den Notleidenden in den Mittelpunkt stellen, über dieses Bündnis hinaus, braucht es das Bündnis des demokratischen Dialogs.

Und jene, die diesen Dialog nicht bereit sind, zu führen, und es scheinen immer mehr nicht nur Vertreter der NPD, der AfD oder Pegida, sondern auch Vertreter der CSU, manche der CDU, manche der SPD und vereinzelte Vertreter auch der Grünen und der Linken zu sein, jene die diesen Dialog nicht führen wollen und nicht fähig sind, ihn zu führen, sie müssen isoliert werden.

Diskussionsfreiheit für jene,die diskutieren wollen und Ab- und Ausgrenzung jener, die den demokratischen Meinungsstreit bekämpfen, weil sie ihn in der Konsequenz abschaffen wollen. Auch das könnte eine Lehre sein, dass wir alle es anders handhaben als in den unseligen Jahren von vor 1933, als  falsche Fronten und falsche Koalitionen den Todfeinden der Demokratie den Weg ebneten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Januar 2016 von in Gewaltfreiheit, Uncategorized und getaggt mit , , .
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