275 Facebook LIKEs, der Griechenland-Schock und die Macht der Flüchtlingshilfe.

Vor zwei Tagen habe ich diesen Zettel fotografiert und gepostet, der schon seit Wochen am für mich schönsten Restaurant in ganz Wandlitz prangt, dem Strandbad Restaurant.

Strandbad

Man hat dort einen wunderschönen Blick über den See, das Essen ist nicht schlecht, aber vor allem die Geste, die Jimello, der Restaurantbetreiber, mit dieser Einladung für ein kostenloses Essen für Bedürftige  zum Ausdruck bringt, ist umwerfend.

Ich wundere mich über mich selbst, dass ich den Zettel, den ich schon vor vielen Wochen das erste Mal las erst fotografiert und veröffentlichte, als Freunde aus Wiesbaden und besuchten und darüber völlig aus dem Häuschen gerieten.

Nun erlebe ich – nach sechs Jahren Facebook – das erste Mal einen Candystorm.

Also das Gegenteil eines shitstorm.

Eine Welle der Sympathie, der Verwunderung, der Freude.

In 4 Tagen  249 LIKES zu der Meldung auf meinem eigenen Account und weitere 27 auf der Facebook Seite „Willkommeninwandlitz“.

Like

Dazu begeisterte Kommentare wie: „toll“, „Respekt“, „auf wie klasse… Alle Achtung“, oder „es gibt doch tatsächlich noch Menschen mit Herz! Meinen allergrößten Respekt!!!“ Aber auch die zweifelnde Aussage „wenn das wirklich stimmt, ist es großartig!“.

In diesen Tagen wurde diese Meldung ganze 122 Mal geteilt, wie viel Likes und Reaktionen auf die geteilten Postings erfolgten, entzieht sich meiner Kenntnis.

Was schließe ich daraus?

Viele Menschen dürstet in einer Situation, in der fast täglich irgend ein Fernsehkommentator den Satz ausspricht: „diese Welt gerät aus den Fugen“ nach positiven Informationen über Hilfsbereitschaft, Empathie, Bereitschaft zum Teilen, und Friedfertigkeit.

Mir geht es ja selbst genauso!

Jeden Tag klicke ich zwar die Abonnements von 3-5 Facebook Usern weg, die immer nur geifern, nur das Negative sehen und betonen und so zur Vermehrung von Angst und Schrecken beitragen.

Dennoch: die Meldungen über Katastrophen, Kriege und Konflikte bilden die erdrückende Mehrheit auf meiner Timeline.

Und was hat das alles mit Griechenland zu tun?

Ich erlebe nach dem brutalen Austeritäts-Diktat, das unter Führung von Wolfgang Schäuble in jener berüchtigten Julinacht der griechischen Regierung aufgezwungen wurde, ein Heulen und Zähneklappern bei vielen Linken, eine Enttäuschung, die nicht wahrhaben will, dass Ent-Täuschungen meistens auf Selbst-Täuschungen beruhen. Und ich erlebe das Gerede von „Niederlage“, das mir schon einmal Ende letzten Jahres auch von linken Politikern, die ich durchaus ernst nehme, anhören musste, die zwar jede Pegida Demonstration akribisch analysierten, aber es bis heute versäumten, einmal nur die Summe aller Gegendemonstrationen, unter dem Motto „für Verständigung und Toleranz, für Vielfalt und gegen Hass, gegen Ausländerfeindlichkeit“ auf zu addieren.

Nun könnte man sagen, es ist die uralte Frage, ist das Glas halb voll oder halb leer?

Aber das wäre mir zu einfach.

Die nüchterne Frage am Beispiel Griechenland muss doch eigentlich immer lauten:

hat sich das Kräfteverhältnis zwischen den Kräften einer Wirtschaft, die skrupellos ausschließlich die PRofitmaximierung in den Mittelpunkt stellt einerseits und jenen die den Menschen in den Mittelpunkt von Politik und Wirtschaft stellen, und die Solidarität zwischen allen Menschen fördern, verbessert oder verschlechtert?

Und ich kann nun wirklich nicht sehen, dass sich das Kräfteverhältnis für die Kräfte des Neoliberalismus seit Januar diesen Jahres, dem Zeitpunkt des Wahlsieges der Syriza- Regierung in Griechenland, verbessert hätten. Es sind Risse aufgetreten zwischen dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Union, zwischen den USA und China auf der einen und der knallharten Austeritätspolitik der deutschen Bundesregierung auf der anderen Seite und vor allem auch innerhalb der EU zwischen der deutschen Bundesregierung und der französischen und italienischen.

Nur wer geglaubt hat, Alexis Tsipras sei der neue Messias, der uns dem Heil einer antikapitalistischen Gesellschaft entgegen führt, ist nun enttäuscht.

Enttäuscht von ihm, enttäuscht von allen die den geduldigen, vor allem gewaltfreien Transformationsprozess anstreben und ruft nach Radikalität, nach Bruch und nach Aufstand.

 

Das inhumane Gerede vom „Aufstand“

Wie inhuman! Als ob der Aufstände in einem Kräfteverhältnis das nur scheinbar ein Übergewicht der Aufständischen darstellte, und deshalb meistens im Blut der Revolutionäre unterging, in der Menschheitsgeschichte nicht schon genug stattgefunden hätten.

Als ob im Zeitalter von Atombomben und Drohnenkriegen gewalttätige Aufstände, die schon im letzten Jahrhundert nicht zu Demokratie und Liberalität, sondern zu Despotismus, sibirischen Gulag und menschenfeindlichen Bespitzelungssystemen geführt haben, irgendwelche Erfolgschancen hätten

In ganz Europa nirgendwo so viele Ehrenamtliche in der Flüchtlingssolidarität wie in Deutschland!

Aber zurück zu den Wandlitzer Strandbad Restaurant, vor allem aber zu dem Grad der Flüchtlingssolidarität, die derzeit in diesem Lande stattfindet.

Der Pressedienst „evangelisch.de“ meldet vor einigen Tagen: „in keinem Land Europas engagieren sich so viele ehrenamtliche Menschen in der Flüchtlingssolidarität wie in Deutschland!“.

Ich fürchte, diese außerordentlich bedeutsame Feststellung haben nur ganz wenige unter den Linken Begriffen.

Deutschland 2015 in seinem Widerspruch

Ohne Zweifel: einerseits ist das Land in dem ich lebe, Deutschland, das wirtschaftlich mächtigste Land, 40-45 % der Befragten erklären, dass sie bei den nächsten Wahlen Merkel und ihrer Partei die Stimme geben würden, (wobei wir immer wieder vergessen, dass dies ja nur für jene eine Hälfte der Bevölkerung zutrifft, die noch sich an Wahlen beteiligen!“). Und kein Zweifel „Bundeskanzler Wolfgang Schäuble“ hat in der Tat in Brüssel – so wie es Jürgen Habermas treffend formulierte (und Erhard Eppler dies zustimmend bestätigte): „das Ansehen des demokratischen Deutschlands, das in 50 Jahren aufgebaut wurde, in einer Nacht zertreten!“

Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass wir eine nie dagewesene Massenbewegung der Solidarität mit Flüchtlingen haben, die viel stärker ist, als die Aktionen der Ausländerhasser, Neonazis, und jene die sich von ihnen in ihrer dumpfen Angst vor dem Fremden instrumentalisieren lassen.

600.000-700.000 Menschen haben alleine seit Mitte Dezember letzten Jahres, dem Beginn der Pegida Demonstrationen in Deutschland an verschiedenen Demos für Vielfalt und Solidarität, für Toleranz mit den fremden teilgenommen.

Kein Organisations-Vorstand, kein Aktionsbüro hat diese Zahl addiert.

Ich habe sie mir selbst mühsam aus einer Wikipedia Tabelle und den verschiedenen Zeitungsberichten zusammengestellt.

Das schlimmste dabei: Sie ist ganz vielen politischen Akteuren einfach unbekannt.

Auf dem evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Juli 2015 kam es zu diesem Thema zu einem interessanten Diskurs zwischen mir und Michel Brie von der Rosa Luxemburg Stiftung. Als der von mir durchaus hoch geschätzte religiöse Sozialist Franz Segbers in seinem Beitrag auf der Veranstaltung „Kapitalismus als Religion“ nur den Horror, nur den Aufmarsch der Rechten, nur die Brandanschläge nannte und die Gegenbewegung „vergaß“, packte mich der Zorn und ich versuchte in meinem Beitrag deutlich zu machen, dass wir es mit einer völlig neuen Qualität einer demokratischen Gegenbewegung zu tun haben:

Die Minderheit der Ausländerfeinde verhält sich laut und aggressiv (und eine Minderheit der Feinde der Ausländerfeinde, das was sich um die sogenannte „Antifa“ gruppiert, antwortet genauso laut und aggressiv und behindert oft viel breitere Bündnismöglichkeiten).

Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Land ist für eine solidarische Aufnahme der geflüchteten, hat nichts gegen Ausländer- und Flüchtlingsheimen in ihrer unmittelbaren Umgebung – das Problem besteht darin, dass diese Mehrheit Still, zurückhaltend, oft auch von Politik und vor allem Parteien verdrossen ist, und sich viel weniger zu Wort meldet, als die Hasser.

Die Kunst besteht nun darin, diese schweigende Mehrheit in die Aktivität zu bringen.

 Und zehntausende sind bereits aktiv.

  • Kaum ein Ort, in dem nicht Willkommensinitiativen Sprachunterricht organisieren, Fußballmannschaften und andere Sportarten mit den geflüchteten initiieren,
  • Kleider und Möbelspenden als Ersteinrichtung erfassen und ausgeben
  • das alltägliche Zusammensein zwischen einheimischen und den neu angekommenen organisieren und
  • so die Angst vor dem Fremden überwinden helfen.

An dieser überwältigenden Solidarität-Welle beteiligen sich nicht nur politisierte Menschen, geschweige denn etwa nur Linke. Es sind Mitglieder oder Anhänger aller Parteien, vor allem aber auch Menschen, die sich längst angewidert von der Parteiendemokratie abgewendet haben.

  • Warum ist die Aktivität in der Flüchtlingssolidarität so viel größer als beispielsweise in der Solidarität mit dem griechischen Volk, oder
  • für eine Welt ohne Atomwaffen oder
  • gegen die Bombardierung der Kurden durch die türkische Armee?

Ganz einfach!

Ich muss weder Konzepte studieren, noch muss ich irgendeiner Organisation meine Solidarität erklären, (um vielleicht wenige Augenblicke später enttäuscht festzustellen, dass ich auch von dieser Organisation wieder nur für ihre Organisationszwecke instrumentalisiert wurde) ich muss auch kein großartiges ökonomisches Alternativkonzept vertreten, ich muss mich nicht entscheiden ob eher die ökologische, oder eher die Variante der solidarischen Ökonomie, ob eher Freiheit, oder eher Gerechtigkeit die wichtigsten Werte für mein politisches Handeln sind, sondern ich kann einfach loslegen!

halle der solidarität

Ich geh auf den Speicher, in den Keller oder in die Garage und hole das verstaubte Fahrrad heraus, das dort seit Jahren rumsteht; ich mache meinen Kleiderschrank auf und sortiere einfach jene Kleidungsstücke, die ich seit zwei oder drei Jahren nicht mehr anhatte, aus, ich nehme die ausrangierte Mikrowelle oder die Kiste mit den Lego-Bausteinen, die immer noch auf dem Speicher stehen, obwohl die Tochter längst verheiratet ist und ihren Kindern eigene Spielsachen gekauft hat, packe es auf mein Fahrrad und bringe es zum nächsten Flüchtlingsheim.

Das nachhaltigste Erlebnis der Spendensammlung in Wandlitz war für mich die Geschichte von der Frau die mich anrief und mir sagte sie möchte für die „Fidschi und Neger spenden“.

Obwohl ich bei diesen Begriffe schlucken musste, hatte ich mich dafür entschieden, sie nicht zu korrigieren und als ich sie einige Tage später aufsuchte, lernte ich eine ziemlich unpolitische aber lebensfrohe und -mutige Frau kennen, die trotz zwei 1-Euro Jobs immer noch jeden Monat zur Jobagentur gehen musste, um aufzustocken, die als alleinerziehende Mutter drei Jungs großgezogen hatte und mir nun drei Plastiksäcke voller gewaschener, gebügelter und nach Größe sortierter Kinder- und Jugendwäsche übergab.

Diese Wäsche erfreute wenige Wochen später Kinder aus Afghanistan, Tschetschenien oder dem Irak. Und als zufällig am selben Tag das Lokalfernsehen die Übergabe der Spenden samt des großen Plüschhundes filmte und am Abend in der Abendschau sendete und in den Film gezeigt wurde, wie ich eben diesen Plüschhund der oben genannten Spenderin an den kleinen dreijährigen Jean aus Senegal übergab, hörte ich nach meiner Rückkehr nach Hause auf meinem Anrufbeantworter die Worte der Spenderin: „Herr Oberhof, ich danke Ihnrn so –  das war der glücklichste Moment der letzten Jahre für mich!“.

Ich habe sie dann angerufen und ihr gesagt: „Nicht ich habe Ihnen diese Freude gemacht, sie haben sie sich selbst gemacht!“

Zurück zu der Debatte am evangelischen Kirchentag mit Michel Brie. Dieser Mann mit der übersinnlichen Spürnase für Bewegungspotenziale hörte sich konzentriert meinen Diskussionsbeitrag an, dachte ein wenig nach und erwiderte dann: „ich muss ihn vollkommen zustimmen, ich kann mich noch sehr gut erinnern aus der Wendezeit in der DDR, dass es die ganz konkreten Alltagsprobleme waren, die die Menschen mobilisierten!“

Nichts mobilisiert Menschen mehr als das was sie unmittelbar tun können. So eine Binsenweisheit! Keine Konzepte, keine Organisationsfahne, der ich mich unterordnen muss, kein Organisation Logo, das ich akzeptieren muss sondern die ganz praktische „gute Tat“.

  • So wie der Restaurantbetreiber des Wandlitzer Strandbad Restaurants.
  • So wie 100 tausende von Spenderinnen und Spendern von Kleidern Küchengeräten Möbeln und Spielzeug in diesen Monaten überall in Deutschland.
  • So wie Tausende, die Fahrdienst leisten für Flüchtlinge wenn sie zum Arzt müssen, oder aus ländlichen Wohnungen in die Kreisstadt zum Deutschunterricht.
  • Wie Hunderte von Studenten die ihre WGs für Asylbewerberinnen und Asylbewerber öffnen,
  • wie Tausende von Menschen, die  oft ohne Vorbildung Sprachunterricht anbieten,
  • die ein  und  ausgehen in den Heimen, die Schachspielen oder Fußball oder Wanderungen organisieren,
  • das ganz Alltägliche machen.

Nein, sie tauchen in keiner Sonntagsfrage auf, sie wählen oft keine Partei, und bei Griechenland sind sie vielleicht immer noch ganz unsicher und wanken einerseits zwischen der Solidarität und Empathie mit dem, was sie in den Fernsehberichten und Zeitungsartikeln immer häufiger lesen: der brutalen aufgezwungenen Armut in einem zusammenbrechenden Gesundheit- und Sozialsystem in Griechenland und andererseits den Resten neoliberalen Denkens in ihrem Kopf, das sich verbirgt hinter solchen Glaubenssätzen: Vereinbarungen müssen eingehalten werden, oder Schulden zurückgezahlt.

Zusammenfassung:

in einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, steigt täglich das Bedürfnis nach guten Taten, nach Beispielen der Solidarität und der Empathie.

Zu keinem politischen Thema kann ich so unmittelbar und ohne mich für irgendein politisches Konzept entscheiden zu müssen, in die praktische Solidarität gehen wie in der Flüchtlingssolidarität.

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Und was Griechenland betrifft: die Niederlage der Linken in Deutschland besteht aus meiner Sicht vor allem darin, dass sie anders wie Podemos aber auch Syriza, die sich beide sehr stark auf konkrete und massenhafte Selbsthilfeprojekte in ihren Ländern stützen, kaum vermag, das Ausmaß der Flüchtlingssolidarität in Deutschland richtig einzuschätzen, geschweige denn mit all ihren Kräften zu unterstützen. Darin könnte eine Chance bestehen, dass das Ansehen der Linken und ihrer Konzepte in größeren Teilen der Bevölkerung steigt. Schade wenn sie auch diese Chance verpasst.

 

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