Ziemlich beste Feinde. ZETTL: so schrecklich, wie die Wirklichkeit.

Meinem Bruder Sven zum Geburtstag gewidmet

Ein Film wie im wirklichen Leben: korrupt, verlogen, krankhaft, egoman.
Und: eine Film über Lügen-Journalismus wird vom Journalismus zerrisssen.
(Sie können sich diese Besprechung auch von mir vorlesen lassen: Hier)

Das Beste: nicht zum Schluss:
Ich werde meinem Bruder  empfehlen, diesen Film NICHT zu besuchen.
Es reicht täglich, Tagesschau, Jauch-Talk und heute-Extra zu sehen, in Süddeutscher oder TAZ zu blättern:Ja,
wir leben in lausigen Zeiten. In eiskalten sogar. Wo (noch immer) Geiz geil ist, Einschaltquoten alles, Politiker wie Journalisten, Ratingagenturen wie Bundesaufsichtsämter für Finanzen, Richter, Minister, Chefredakteure: ALLE KÄUFLICH sind.
Niemand kann dort niemanden trauen, nur der eigen Vorteil gilt, und am Schluss siegen nur die und auch nur für kurze Zeit, die ihre besten Freunde am besten beschissen haben.

Soweit der Inhalt.
Der Film wurde von der versammelten Journaille in der Luft zerrissen. Aber kaum jemand sprach aus, dass der Film oft nur geringfügig karikiert so ist, wie die Wirklichkeit.
Im Detail und mit nur wenig Interpretationsphantasie:
Stellen Sie sich eine Filmhandlung vor, in der folgende Personen vorkommen,

  • ( der alkoholkranke und Frauen verschlingende WILLY BRAND (Götz George als Bundeskanzler Olbrich(!!)kurz vor – und tiefgekühlt auch – nach dem Tod),
  • die nicht etwa schwule, sondern Transvestitin und Berlin-Bürgermeisterin Wowereit, die sich im Film auch genital vom Mann zur Frau operieren lässt – oder soll es eine absurde Anspielung auf das Mannweib Angela M. sein (im Film: Dagmar Manzel als Bürgermeisterin von Gutzow).
  • Das Kindermädchen Friede Riewers, die zunächst Kindermädchen, dann Geliebte, schließlich Ehefrau, dann Alleinerbin von AXEL SPRINGER und später mächtigste Frau der Bundesrepublik wird (im Film Bully Herbig, der vom Chauffeur zum Chefredakteur des Online-Magazins DER BERLINER NEW YORCKER wird, allerdings mehr Pech als Friede Springer hat, denn am Ende bleibt er auf 5 Mrd. € Bürgschaft sitzen, die er aus Eitelkeit übernahm. Immerhin wird er – so endet der Film: als charmanter Lügner: Pressesprecher der Bundesregierung)
  • Der russische Multimilliardär Wladislaw Doronin, der seiner Geliebten Naomi Chambell ein teures Magazin in Berlin finanziert (im Film Ulrich Tukur als schwuler Schweizer Milliardär Urs Doucier),
  • Der immergeile schwäbische CDU-Politiker Lothar Späth, der als Westimport den Ministerpräsidenten von MacPomm abgibt und sich Hoffnungen auf die Kanzler-Nachfolge macht (Harald Schmidt als MP Dr. Conny Scheffler).
  • Die alkoholkranke Sabine Christiansen, die sich im Bett auf junge Männer – gern auch mit Migrationshintergrund spezialisiert hat (im Film Sunnyi Mellis als Moderatorin Jacky Timmendorf),
  • Beim Vizekanzler Geisenhofer im Film ist nicht ganz auszumachen, ob es Franz Müntefering oder eher Herbert Wehner sein soll ( Hans Zischler).
  • Alles erlogen?
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    (Bild: Das ist nicht Regierungssprecher Steffen Seibert im Gespräch mit Sabine Christiansen, sondern zum Regierungssprecher avancierender Chauffeur Max ZETTL (Bully Herbig) und alkoholsüchtige Talkschow-Moderatorin Jacky Timmendorf (
    Sunnyi Mellis). Aber sonst: alles wie ich richtigen Leben…)

Aber richtig ist auch:
– der nimmersatte Schnäppchen-Jäger Christan Wulff kommt nicht vor im Film,
– auch Post-Chef Zumwinkel, der seinen zig Millionen noch weiter Steuerhinterziehungs-Schnäppchen hinzufügt, nicht,
– nicht Ex-Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, der mit den Peanuts, und für den nun die deutsche Bank – durch Steuermittel vor der Griechenland-Pleite bewahrt, mal eben 800 Mio. € aus der Portokasse an die Kircherben zahlt.
– Im Film gibt’s keinen israelischen Ex-Staatspräsidenten Katzav, der wegen Vergewaltigung im Knast sitzt,
– kein BILD-Zeitungs-Chef Dieckmann, kein Spiegel- Chefredakteur,
– kein Peer Steinbrück, der durch eine klitzekleine Zeitverzögerung der UNICREDIT Schadenersatzansprüche in Höhe von 100 Mrd. EURO aus der Fast-Pleite der Hypo Real Estate (HRE) erspart.
Sie alle fehlen. „Zettl“ ist keine Doku, auch keine Dokusoap.

Kir Royal – das war die Welt zu beginn des Geiz-ist-Geil-Zeitalters

Immer wieder wird der Film mit seinem Vorläufer „Kir Royal“ verglichen
Aber der ist aus einem anderen Welt.
1985 war der zu sehen. In den Anfängen des Neo-Liberalismus.
Franz Josef Strauss lebte noch. „Geiz ist geil“, wäre dem studierten Altphilologen nie über die Lippen gekommen, obwohl er weder was Korruption noch was Prostitution betrifft, den Vergleich mit den ZETTL-Helden scheuen müsste.
Franz Xaver Kroetz, der Hauptdarsteller des Baby Schimmerlos war erst wenige Jahre vorher aus der DKP ausgetreten.
Heimcomputer und Handys unbekannt. Wer Aktien kaufen wollte, musste noch ganz altmodisch zur Bank gehen, zumindest dort anrufen. Und einen Verrechnungsscheck ausstellen oder eine Überweisung per Hand –

KIR ROYAL erzählt die Anfänge des käuflichen Journalismus.
ZETTL kotzt uns das Ergebnis der voll entwickelten Symbiose von Medien-Kartellen und politischer Klasse vor die Füße. Zu recht titelt der Spiegel seine Besprechung mit dem Wortspiel: „KOMA ROYAL“

Um zum Anfang zurück zu kehren: So wie im Film ist (ein Großteil) der Wirklichkeit:
Überall: ziemlich beste Feinde.
Aber es gibt eben auch noch das andere:
Der Film ZIEMLICH BESTE FREUNDE wird in Frankreich der meistbesuchte Film aller Zeiten, weil er – so die Umfrage-Ergebnisse: Humor, Optimismus und Solidarität zeigt.
In Deutschland hält er seit Wochen den Platz 1 der Kino-Charts.

Helmut Dietl hatte als Drehbuchautor vor knapp 30 Jahren der geheimnisumwitterten Mystiker Patrick Süßkind gewonnen, für Zettel nahm er sich den Pop-Zyniker Benjamin von Stuckrad-Barre dazu.
Der Film zeigt: Kalauer statt Humor, Zynismus statt Solidarität und Egomanie statt Solidarität.
Ein moderner Film.
Zum Kotzen und nicht wert, dafür Zeit zu verschwenden.
UND eins muss noch angemerkt werden.
Der SPIEGEL irrt, wenn sein letzter Satz der ZETTL-Rezension lautet:
„So aber funktioniert die Berliner Republik mit Angela Merkel als oberste Repräsentantin nun mal nicht.“
Der Name des Obersten Repräsentanten der Berliner Republik, das weiß natürlich auch Spiegel-Redakteur Christan Buß lautet: Christan Wulff.
Eben.
Noch.
Update 17.02.2012, 11:05 Uhr: „Nicht mehr!“

 

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