GETRENNT ODER VEREINT? Gedanken zum Film Westwind, Ostklischees eines FREITAGS-Redakteuren und linken Schwierigkeiten mit der Einheit.

Michael Dell, Kulturredakteur des Freitag hat in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung den Film WESTWIND von Robert Thalheim verrissen. (zum Artikel hier)

westwind-zorro-film

Als Überschrift wählte er einen in der DDR bekannten Filmtitel von 1973: „Für die Liebe noch zu mager“. Das sagt den meisten westdeutschen Lesern nix, wird aber im Text auch nicht aufgegriffen. Es hinterlässt bestenfalls einen bitteren Nachgeschmack: Ein Film für die Liebe noch zu mager?.? Auch sonst lässt der Rezensent kaum ein gutes Haar an dem Film, der die wahre Geschichte der  beiden DDR-Leistungssportlerinnen und Zwillingsschwestern Doreen und Isabel erzählt, die bei ihrem Aufenthalt in  einem Pionierlager am Balaton  westdeutsche Jugendliche kennenlernen und in dessen Verlauf die eine, Doreen vor  die Alternative gestellt ist, sich zu entscheiden, bei ihrer Schwester (und dem vorgezeichneten Weg als DDR-Leistungssportlerin) zu bleiben, oder mit dem Geliebten Arne in den Westen abzuhauen.

Ein Film wie geschaffen für den 50. Jahrestag des Mauerbaus.

Gerade erst hat  die JUNGEN WELT in einem menschenverachtenden Titelbild zum Ausdruck gebracht, dass die Redaktion  Mauer, militärische Gewalt als dankenswerte Leistung der DDR ansehen.

Deutsche Linken fällt die Hinnahme von Spaltung deutlich leichter, als die Empathie der Einheit.

Als ob die Gleichung gelte: Gespalten=Links; Begeisterung für Einheit = rechts, wird auch von Mathias Dell willkürlich der Stoff, die Atmosphäre und die Botschaft dieses Films ignoriert.

So schreibt er „In den Exponatszenen ist die DDR das Museum , das man dem heutigen Zuschauer im Hubertus-Knabe-Duktus erklärt“, obwohl im ganzen Film weder der Handlungsort DDR, deshalb schon gar nicht die Stasi, für die Hubertus-Knabe sich zuständig fühlt vorkommt. Das erinnert an die Kritik am Film „Das leben der Anderen „, dass dort die Uniformen nicht exakt, und die Automodelle nicht zeitsynchron ausgesucht seien.

Aber ja doch, im Film wie im wirklichen Leben: BRD-Jugendliche sprachen von der DDR als ‚Zone‘ und fragen nach, ob mit ‚Trinkröhrchen‘ ‚Strohalm‘ gemeint sind. Wer den unterschiedlichen Alltagswortschatz der Ost und Westdeutschen schon in die Nähe von Hubertus-Knabes-Horror-Kabinett stellt, hat ein merkwürdiges Zeitempfinden für 40 Jahre deutsche Sprach-Trennung.

„Mit der DDR weiß der Regisseur auch nichts anzufangen“ schreibt Dell, ohne irgendeinen Beleg zu bringen.

Im Gegensatz zu Dell sah ich in dem Film eine sehr authentische Darstellung einer beginnenden Liebe in Zeiten des Eisernen Vorhangs.

Ja, er zeigt die grausame Wirkung der unnatürlichen Trennung eines Volkes. Er zeigt an einem Beispiel einer wahren Begebenheit, was Mauern und Grenzen für Wunden reißen.

3.800 000 Bürger der SBZ/DDR haben zwischen 1947 und 89 ihr Land verlassen, 600.000 sind zurückgekehrt. Unterm Strich hat jeder 5. DDR-Bürger seiner Heimat – vor der Mauer etwas gefahrloser, als später, aber immer mit Verlust von Hausstand, Freundeskreis, Beruf, immer mit Familientrennung und Abschiedsschmerz, den Rücken gekehrt.

Jahrelang waren es die Linken in Deutschland, die die Teilung auf zuhalten versuchten. Und es war Bundeskanzler Adenauer, der als erster die brutale Gleichung äußerte. „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb.“

Später, viel später haben sich die SED-Führer diesen Zynismus zu Eigen gemacht.

Der Jubel bei der Öffnung der Mauer war für Millionen echt, genauso wie die nachdenklichen Töne, dass damit ein eigenständiger Weg für eine demokratischere DDR wohl unmöglich wurde.

Aber der widernatürliche Riss  – durch die mindestens jede 5. deutsche Familie – war überwunden, ein ungerechtes Wirtschaftssystem noch lange nicht.

Im Gegenteil und umgekehrt, gerade weil mit Mauer, Stacheldraht und Todesschüssen der Sozialismus sowohl östlich der Mauer als auch seine Ideen westlich der Mauer auf Jahrzehnte diskreditiert wurden, deshalb ist die Mauer einer der wichtigsten Stolpersteine und Hemmschuhe für eine fortschrittliche Entwicklung in Mitteleuropa geworden.

Der Film Westwind erinnert daran. Die Süddeutsche vermerkt zu Recht: „Geschickt vermeidet Thalheim die Klischees von Ost-West-Storys: Die West-Jungs sind nicht als arrogante Schnösel gezeichnet, die Schwestern nicht als von vornherein fluchtwillige DDR-Überdrüssige. Erst zum Finale wird das Drama des geteilten Landes in der privaten Geschichte virulent, wenn die Schwestern vor eine Entscheidung gestellt sind, die – wie Thalheim sagt – „für sie eigentlich zu groß ist“.

Ich war 10 Jahre alt, als mein Vater, in der BRD wegen seiner antimilitaristischen Arbeit politisch Verfolgter und gerade erst im DÜSSELDORFER PROZESS zu mehreren Monaten Gefängnis auf Bewährung bestraft wegen „landesverräterischer Beziehungen zur DDR“ in seiner Verzweiflung die Staatsbürgerschaft der DDR beantragte. Die DDR-Behörden sagten sie ihm zu, unter der Voraussetzung, dass er drei Jahre lang seine Kinder nicht in Westdeutschland besuchen dürfte. Aus heutiger Sicht sage ich: Gott-sei-dank, hat er es daraufhin abgelehnt, auch zwischen sich und seine Kinder die Mauer zu stellen.

Als Linker wurde mein Leben geprägt durch das Erleben: Eine neue, menschlichere Gesellschaft, die Familien trennt, ja zu Gegnern verdreht, Liebende auseinanderreist, Fernweh-Kranke ins Gefängnis sperrt, hat historisch keine Existenzberechtigung und Überlebenschance. Auch das sagt behutsam und ohne Zeigefinger der wunderbare Film WESTWIND. Das Highlight zum Schluss soll nicht verraten werden. Aber dasS selbst der Bad Boy, der die DDR verkörpernde Funktionär zu überraschender Menschlichkeit fähig ist, auch das ist ein schönes Detail dieses empfehlenswerten Films

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